Sozial und resonanzfähig - Warum wir kooperieren wollen
Unser Gehirn ist ein soziales Organ, es ist angewiesen auf zwischenmenschliche Kommunikation. Deshalb sind wir in erster Linie auf Resonanz und auf Zusammenarbeit gerichtet. Das Gehirn belohnt das Miteinander durch Ausschüttung verschiedener Botenstoffe, die Wohlbefinden erzeugen. Alle neuronalen Motivationssysteme sind darauf ausgerichtet, Wertschätzung, Zuwendung, Bestätigung durch andere zu finden.

Professor Joachim Bauer, Arzt für Psychosomatische Medizin an der Freiburger Universitätsklinik, zeigt, warum reiner Egoismus der menschlichen Natur zuwiderläuft.

Der südwestdeutsche Rundfunk bietet einen Vortrag des Freiburger Psychotherapeuten und Forschers J. Bauer an, der die Zusammenhänge erläutert.
Hier können sie den Vortrag direkt anhören

Hier finden sie eine schriftliche Version des Vortrages (.rtf, 31 kB).

Prof. Joachim Bauer wurde am 1951 in Tübingen geboren. Nach seinem Medizinstudium in Freiburg und zwei Assistentenjahren als Arzt machte er eine klinische Ausbildung zum Internisten und habilitierte sich für Innere Medizin bei Prof. Wolfgang Gerok.

Anschließend an eine Tätigkeit in den USA durchlief Prof. Bauer die Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie sowie in Psychosomatischer Medizin. Bauer machte eine zweite Habilitation für das Fach Psychiatrie und eine psychotherapeutische Ausbildung in Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie. Wissenschaftlich beschäftigte sich Bauer u.a. mit psychoimmunologischen Aspekten depressiver Erkrankungen sowie mit ethischen Fragen psychiatrischer Forschung. 1996 wurde Prof. Bauer für seine Forschungsarbeiten mit dem renommierten Organon- Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie geehrt. 

Prof. Bauer arbeitet heute als Leiter der Ambulanz an der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Freiburg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Michael Wirsching). Schwerpunkte seiner Arbeit sind Somatoforme Störungen, Traumfolge-Krankheiten, Depressionen, Angsterkrankungen und beruflicher Burnout. Im Bereich Burnout befasst sich Bauer insbesondere mit Fragen der Gesundheit in pädagogischen Berufen (Lehrer und andere Erziehende). Bauer hat über 100 wissenschaftliche Artikel publiziert. 

Zitate aus der Sendung:

Die zentralen Thesen lauten: Wir müssen unser Menschenbild korrigieren, denn unser Gehirn ist in erster Linie ein „social brain“, es ist auf Kommunikation mit dem Anderen angewiesen, es ist auf soziale Resonanz und damit auf Kooperation angewiesen und quasi darauf geeicht.

In der SWR2 AULA zeigt Bauer, warum vor allem unsere neuronalen Motivationssysteme immer dann auf Hochtouren laufen, wenn es um Wertschätzung und Zuwendung geht.

Was ist eine gute Beziehung:


Keinesfalls bedeutet eine gute Beziehung, andere Menschen in Watte zu packen.
Erste Voraussetzung für Beziehung ist Sehen und Gesehenwerden. Menschen wollen, auch aus neurobiologischer Sicht, dass man sie als Person wahrnimmt. Wenn sie dies spüren, erzeugt alleine dieser Umstand Motivation. Nichtbeachtung ist eine Beziehungs- und Motivationskiller und Ausgangspunkt für aggressive Impulse.

Das zweite Ingredienz für Beziehung ist die gemeinsame Aufmerksamkeit. Sich dem zuzuwenden, wofür sich eine andere Person interessiert, ist die einfachste Form der Anteilnahme und hat ein erhebliches Potential, Verbindung herzustellen.

Drittes Element ist die emotionale Resonanz, also die Fähigkeit, zu einem gewissen Grade auf die Stimmung eines anderen Menschen einzuschwingen oder andere mit der eigenen Stimmung anzustecken. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Sie ist aber in einer Beziehung, gleich welcher Art, ein überaus verbindendes, hochgradig motivierendes Element. Wem diese Fähigkeit nicht von Natur aus geschenkt ist, kann durch etwas innere Achtsamkeit zumindest verhindern, dass durch Nichtbeachtung dieses Elements in Beziehungen Schaden entsteht. Einer Kollegin, die gerade vom Tod ihres Haustieres berichtet, unvermittelt und in trockenem Ton zu sagen, dass wir schließlich alle einmal sterben müssen, wäre ein Beispiel fehlender Resonanz.

Viertes Element von Beziehung ist das gemeinsame Handeln. Etwas konkret miteinander zu machen, ist ein meist völlig unterschätzter, tatsächlich aber in hohem Maße Beziehung stiftender Aspekt. Bei einer Aktion selbst mit anzupacken, mit seinen Kollegen, dem Partner oder den Kindern ganz konkret etwas zu unternehmen und dies nicht zu delegieren, hinterlässt ein nachhaltiges Beziehungsengramm. Dies ist auch der Grund, warum sich Bequemlichkeit mit guter Beziehungsgestaltung grundsätzlich schlecht verträgt. Sich in einer Beziehung nicht in Bewegung setzen zu wollen, wird von anderen zu Recht als Zeichen fehlender Motivation erkannt.

Fünftes der Beziehungselemente und gewissermaßen die Königsklasse der Beziehungskunst ist das Verstehen von Motiven und Absichten. Es gelingt meist nur dann, wenn auch die anderen vier Komponenten eingelöst sind. Verstehen erfordert ein immer wieder neues Nachdenken. Zu den verständlichen, aber nachteiligen Sparmaßnahmen unseres Gehirns gehört, dass es sich das immer wieder neue Verstehen erspart und stattdessen anderen Menschen Motive und Absichten nach einem Schema unterstellt, das auf früheren, typischen Erfahrungen beruht. Das Ergebnis im Hinblick auf die aktuelle Beziehung im Hier und Jetzt ist dann nicht selten verheerend. Riesige Motivationspotentiale werden oft nur deshalb nicht ausgeschöpft, weil Einschätzungen anderer Menschen vorgenommen wurden, ohne sie zu verstehen. Motive, Absichten, Vorlieben oder Abneigungen richtig zu erkennen und anzusprechen, ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, bei anderen Potentiale zu entfalten. Um jemanden zu verstehen, bedarf es nicht nur einer guten Beobachtungsgabe und intuitiver Fähigkeiten, sondern vor allem auch des Gesprächs.